Neue Reihe: "Wofür Denkmäler heute?" - Instytut Pileckiego
25.02.2026 (Wed) 14:00
Neue Reihe: "Wofür Denkmäler heute?"
Erste Veranstaltung: "Die Augustów-Razzia. Das größte kommunistische Nachkriegsverbrechen in Polen"
Eine ritualisierte und rasch formulierte Feststellung in der deutsch-polnischen Debatte lautet, dass sich die Erinnerungskulturen beider Länder essenziell unterscheiden. Schön und gut. Doch worin bestehen diese Unterschiede konkret, und wie kann dennoch ein gemeinsamer Erinnerungsdialog gelingen?
In der neuen Reihe „Wozu Denkmäler heute?“ versuchen wir in Berlin, polnische Gedenkformen und -institutionen vorzustellen und eine Diskussion darüber anzustoßen, was polnische Ausstellungen, Museen, Denkmäler und Gedenkfeiern auszeichnet – und wie sie sich im Vergleich zur deutschen Gedenkpraxis darstellen.
Fotos: Wojciech Kaszlej
Erste Veranstaltung in dieser Reihe:
“Die Augustów-Razzia. Ausstellung über Polens größtes kommunistisches Nachkriegsverbrechen”
25.02, 14.00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin | Anmeldung: https://forms.gle/mHKXCQG29PJP7D587
Die Veranstaltung wird simultan ins Deutsche übersetzt.
Künftige Veranstaltungen dieser Reihe werden sich u. a. dem Museum des Warschauer Ghettos, dem Museum des Warschauer Aufstands und der Gedenkstätte im Dorf Michniów widmen.
Zum Auftakt kommen die Architekten und Urbanisten Florian Mausbach und Czesław Bielecki sowie Dr. Łukasz Faszcza, Kurator und Forscher am Pilecki-Institut, und Aleksandra Czerobska, Leiterin des Pilecki-Instituts in Augustów, nach Berlin. Zunächst berichten Faszcza und Czerobska über die Geschichte der Augustów-Razzia und stellen die Ausstellung am Gedenkort des Pilecki-Instituts in Augustów vor. Anschließend kontextualisieren Bielecki und Mausbach das Thema historisch und diskutieren Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gedenkdiskurse beider Länder. Dabei können sie auf einen enormen Erfahrungsschatz zurückgreifen: Beide sind bzw. waren maßgeblich an Erinnerungsprojekten und Denkmalvorhaben in Polen und Deutschland beteiligt.
Die Panelisten und Panelistinnen:
Florian Mausbach ist Architekt und war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. In dieser Funktion verantwortete er zahlreiche bedeutende staatliche Bau- und Erinnerungsprojekte in Deutschland, darunter zentrale Gedenk- und Regierungsbauten in Berlin. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Diskurs über Architektur, Städtebau und Erinnerungskultur.
Czesław Bielecki ist Architekt, Stadtplaner und Publizist. Er gründete das Architekturbüro „Dom i Miasto“ und war an zahlreichen städtebaulichen und erinnerungskulturellen Projekten in Polen beteiligt. In der Volksrepublik Polen engagierte er sich in der antikommunistischen Opposition, war mit der Studentenbewegung vom März 1968 sowie mit Untergrundstrukturen verbunden. Als Mitbegründer von Publikationen des sogenannten zweiten Umlaufs (unter anderem „CDN“) und als Publizist unter dem Pseudonym „Maciej Poleski“ trat er auch öffentlich in Erscheinung.
Aleksandra Czerobska ist Leiterin der Niederlassung des Pilecki-Instituts in Augustów. In ihrer Funktion engagiert sie sich für das Gedenken an die Opfer totalitärer Regime, unter anderem im Rahmen der Feierlichkeiten zum Nationalen Gedenktag der Soldaten der Heimatarmee sowie bei den Gedenkveranstaltungen an der Erinnerungsmauer für die Opfer der Augustów-Razzia.
Dr. Łukasz Faszcza ist polnischer Historiker mit den Schwerpunkten Militärgeschichte und deutsche Besatzungsgeschichte. Er ist unter anderem mit der Universität Warschau sowie dem Pilecki-Institut in Augustów verbunden, an dem er die Ausstellung zur Augustów-Razzia maßgeblich als Kurator betreute. Zu seinen weiteren Forschungsschwerpunkten zählen die Sozialgeschichte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie die Regionalgeschichte.
Letztes Jahr jährte sich die Augustów-Razzia zum achtzigsten Mal. Sie gilt als das größte kommunistische Verbrechen im Nachkriegspolen und bleibt dennoch weitgehend unbekannt. Einige Historiker betrachten sie sogar als das größte Massaker an Zivilisten im Nachkriegseuropa – bis zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Rund 7.000 Menschen wurden damals von sowjetischen Einheiten festgenommen, über 600 von ihnen ermordet. Das Pilecki-Institut widmet diesem bislang kaum aufgearbeiteten Thema nun erstmals eine umfassende Ausstellung. Für uns war sie eines der Highlights des Jahres 2025 – ihr Sitz wurde zudem für die prestigeträchtigen „World Architecture Festival Awards“ nominiert. Darüber hinaus haben wir dem Thema vor Kurzem auch einen Artikel in der Berliner Presse gewidme
Die Dauerausstellung verankert diese Ereignisse zugleich tief in der Geschichte und Alltagswelt der Region Suwałki. Bewusst verzichtet sie auf eine rein opferzentrierte Erzählung und nähert sich den Betroffenen als Menschen mit Biografien, Familien, Hoffnungen und Lebensleistungen. Die narrative Struktur der Ausstellung führt von der multikulturellen Zwischenkriegszeit über den Zweiten Weltkrieg bis hin zur unmittelbaren Vorgeschichte der Razzia. Thematisiert werden unter anderem die Unabhängigkeitskämpfe nach 1918, modernistische Ambitionen sowie gesellschaftliche, bildungspolitische und kulturelle Entwicklungen der Region, die doppelte Besatzung durch NS-Deutschland und die Sowjetunion sowie die Widerstandsgeschichte des polnischen Untergrunds.
Multimediale Elemente, kolorierte Porträts der Opfer, ein digitales Archiv mit stetig erweiterbaren Biogrammen und dokumentarische Materialien ermöglichen einen vielschichtigen Zugang zur Geschichte und machen die systematische Gewalt sichtbar, die 1945 kulminierte.
Die Ausstellung befindet sich im „Haus der Erinnerung“, einer vom Pilecki-Institut in Augustów geleiteten lokalen Einrichtung, die sich in den vergangenen Jahren zu einem lebendigen Gedenk- und Kulturort entwickelt hat. Neben Konzerten mit Liedern, deren Texte von der lokalen Geschichte inspiriert sind, sowie Workshops und Bildungsangeboten für unterschiedliche Altersgruppen wird hier nun auch die Dauerausstellung eröffnet. Dabei hätte es diesen Ort beinahe nicht mehr gegeben: Das in die Jahre gekommene Gebäude sollte ursprünglich zu einem Einkaufszentrum umgebaut werden. Erst dem Engagement eines Historiker-Ehepaars, dem die Erinnerung an die Opfer kommunistischer und sowjetischer Gewalt ein zentrales Anliegen war, ist es zu verdanken, dass das Haus erhalten blieb und heute als Erinnerungsort genutzt wird.
Die sowjetische Aktion richtete sich gezielt gegen den polnischen Untergrund und wurde von lokalen Sicherheitsstrukturen unterstützt. Die Ausstellung dokumentiert diese Geschichte anhand zahlreicher Objekte und persönlicher Zeugnisse. Sie zeigt das lebendige Vorkriegs-Augustów ebenso wie die Brutalität eines totalitären Systems. Vor dem Krieg war Augustów eine multikulturelle Stadt: Neben polnischen Katholiken lebten hier Juden, Litauer, Belarussen und orthodoxe Christen. Bildungsreformen, Modernisierungswillen und eine Orientierung an den Zukunftsvisionen der Zweiten Republik prägten das Stadtbild.
Diese Vielfalt wurde in zwei Besatzungswellen durch sowjetische Gewalt zerstört. Es ist daher schwerlich nur ein Zufall, dass sich die Ausstellung in einem Gebäude mit schwerer, schmerzhaft doppeldeutiger Vergangenheit befindet: Es diente mehrfach als Haft- und Folterstätte des NKWD und zeitweise auch der Gestapo. In der Zwischenkriegszeit war derselbe Ort jedoch ein Ort des Lebens. Ein türkischer Migrant betrieb hier eine kleine Konditorei, in der Baklava und andere Süßigkeiten verkauft wurden – ein Treffpunkt, der für Offenheit, Neugier und kulturellen Austausch stand. Kaum ein Ort vereint so stark kulturelle Vielfalt und Zerstörung, Lebensfreude und Gewalt – ein wahres Bloodlands-Erinnerungsmosaik. Die in den Kellerräumen erhaltenen Inschriften und Zeichnungen der Gefangenen machen die Gewaltgeschichte des Ortes unmittelbar erfahrbar und verleihen der Ausstellung eine eindringliche räumliche und emotionale Dimension.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der jahrzehntelangen Suche nach den Verschwundenen und auf den Formen des Erinnerns nach 1945. Thematisiert werden die Bemühungen von Familien, Institutionen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, insbesondere des 1987 gegründeten Bürgerkomitees, die Schicksale der Vermissten aufzuklären.
Heute liegt Augustów erneut nahe einer sensiblen Grenze – zwischen Belarus und Litauen. Vor diesem Hintergrund wirken viele Elemente der Ausstellung besonders eindringlich. Das Verschwindenlassen von Menschen, Folter und die gezielte Auslöschung von Identität erinnern bedrückend an Russlands gegenwärtigen Krieg gegen die Ukraine.
Neue Reihe: „Wozu Denkmäler heute?“
Vertreterinnen und Vertreter renommierter Geschichtsinstitutionen, Denkmalarchitektinnen und -architekten sowie weitere Personen, die sich in besonderer Weise um die Gestaltung öffentlicher Geschichtserinnerung verdient gemacht haben, sprechen in historischen und künstlerischen Präsentations- und Gesprächsformaten über die zeitgenössische Rolle und Bedeutung von Denkmälern und Museen zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs.
Gemeinsam mit ihnen möchten wir mehrere Fragen erörtern:
Wie lässt sich heute über Trauma, Verlust und Verantwortung erzählen?
Welche Formen nimmt Erinnerung im öffentlichen Raum an?
Welche Spannungen entstehen zwischen künstlerischer Vision, gesellschaftlichen Erwartungen und dem politischen Kontext?
Im ersten Teil der neuen Reihe richten wir den Blick auf zentrale polnische Denkmalprojekte und Erinnerungsorte, die die Martyrologie des Zweiten Weltkriegs thematisieren. Zudem kommen wir mit Gestalterinnen und Gestaltern sowie Kuratorinnen und Kuratoren ins Gespräch, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit diesen Themen auseinandersetzen.
Den Auftakt bildet eine Veranstaltung über die erste Ausstellung über das größte kommunistische Nachkriegsverbrechen in Polen, die Razzia von Augustów.
Weitere geplante Veranstaltungen und Themen:
- Museum des Warschauer Ghettos
- Gedenkstätte für das Martyrium des polnischen Dorfes Michniów
- Museum des Warschauer Aufstands