Frauen schreiben Geschichte: Feministische Erinnerungskultur im polnischen Frauenarchiv - Instytut Pileckiego
03.07.2026 (Fri) 18:00
Frauen schreiben Geschichte: Feministische Erinnerungskultur im polnischen Frauenarchiv
Podiumsdiskussion mit Mitarbeiterinnen des Frauenarchivs in Polen (dt. Archiwum Kobiet) im Rahmen der Reihe „Wozu Denkmäler heute?“
Podiumsdiskussion: Frauen schreiben Geschichte: Feministische Erinnerungskultur im polnischen Frauenarchiv
03.07.2026, 18:00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin Anmeldung: https://forms.gle/NjZ5mbAtrs3RXu4r9
Welche Geschichten werden erinnert und welche geraten in Vergessenheit? Welche Rolle spielen Archive dabei, historische Erfahrungen sichtbar zu machen und neue Perspektiven auf die Vergangenheit zu eröffnen?
Im Rahmen der Reihe „Wozu Denkmäler heute?“ diskutieren Mitarbeiterinnen des Archiwum Kobiet (dt. Frauenarchiv) am Institut für Literaturforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften über feministische Erinnerungskultur, Frauenarchive und die Geschichte von Frauenbewegungen in Polen.
Das Archiwum Kobiet ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt am Instytut Badań Literackich der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), das offiziell seit 2013 besteht, dessen beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch bereits seit Mitte der 2000er Jahre eng zusammenarbeiten. Eine frühe gemeinsame Initiative war etwa die Ausstellung „Polka. Medium – Cień – Wyobrażenie“ (dt. Polin. Medium – Schatten – Vorstellung) im Jahr 2005 im Centrum Sztuki Współczesnej Zamek Ujazdowski (dt. Zentrum für zeitgenössische Kunst im Schloss Ujazdowski) in Warschau. Die institutionelle Etablierung des Projekts ist eng verbunden mit dem Vorhaben des „Archiwum Kobiet: Piszące“ (dt. Frauenarchiv: Schriftstellerinnen), welches im Rahmen des polnischen Nationalen Programms zur Entwicklung der Geisteswissenschaften (NPRH) zwischen 2013 und 2018 realisiert wurde.
Ziel dieses Projekts war es, eine Datenbank aufzubauen und ein digitales Archiv unveröffentlichter handschriftlicher Texte von Frauen zu initiieren, die im historischen Raum Polens vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart lebten. In einer zweiten Projektphase (2018–2024) wurde diese Arbeit kontinuierlich fortgeführt: Die Datenbank wurde erweitert, ihre digitale Infrastruktur weiterentwickelt und ein visuelles Repositorium aufgebaut. Parallel dazu entstehen neue Forschungs- und Editionsperspektiven, die die Erschließung bislang wenig bekannter Quellen systematisch vertiefen.
Die Forschenden des Archiwum Kobiet führen umfangreiche Archiv- und Bibliotheksrecherchen in Polen und ganz Europa durch, insbesondere auch in jenen Regionen, die historisch und kulturell mit Polen verbunden sind, etwa Litauen, Belarus oder die Ukraine. Im Zentrum stehen Tagebücher, Briefe, autobiografische Aufzeichnungen sowie unveröffentlichte literarische Manuskripte - vor allem aus der Zeit vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Quellen eröffnen ein bislang nur unzureichend erforschtes Feld der Kulturgeschichte: Sie geben Einblick in die intellektuellen, emotionalen und sozialen Lebenswelten von Frauen und erlauben eine Rekonstruktion weiblicher Erfahrungsräume jenseits etablierter biografischer Rollenmodelle wie Ehefrau, Mutter oder patriotische Figur.
Stattdessen treten in diesen Dokumenten vielfältige Beziehungen und Formen von Subjektivität hervor - freundschaftliche, romantische, berufliche oder intellektuelle Netzwerke –, die häufig nationale, religiöse, soziale und moralische Grenzen überschreiten. Tagebücher, Briefe und persönliche Aufzeichnungen erscheinen so nicht nur als historische Zeugnisse individueller Lebenswelten, sondern auch als zentrale, lange marginalisierte Gattung der Wissensproduktion: als ein „zweiter Umlauf“ kultureller Intellektualität jenseits der gedruckten Öffentlichkeit.
Ein zentraler Impuls der Arbeit des Archivs ist das Verständnis des Archivs selbst als Ort einer besonderen, existenziellen Begegnung mit der Vergangenheit. In einem programmatischen Manifest der Literaturwissenschaftlerin Monika Rudaś-Grodzka wird der Moment der Archivarbeit als ein „Wendepunkt“ beschrieben: Der erste Kontakt mit einem Manuskript einem Brief, einem Tagebuch, einem vergessenen Dokument wird als Begegnung mit der Präsenz der Toten verstanden. Archivarbeit erscheint darin nicht nur als wissenschaftliche Praxis, sondern als ethisch aufgeladene Form des Erinnerns.
Das Lesen dieser Spuren bedeutet, so das Manifest, eine Konfrontation mit „nicht vollständig gelebten“ Leben und mit Stimmen, die in ihrer Zeit nicht vollständig gehört wurden. Die Materialien des Archivs, Briefe, Fotografien, persönliche Gegenstände und handschriftliche Aufzeichnungen, werden als fragile Überreste einer vergangenen Existenz verstanden, die nach einer Form der Wiederaneignung und „Gerechtigkeit“ verlangen. In Anlehnung an Walter Benjamin wird Archivarbeit damit als eine Praxis der Erinnerung verstanden, die nicht auf lineare Geschichtserzählungen zielt, sondern auf die Wiederherstellung unterbrochener Lebens- und Erfahrungsgeschichten.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sind heute in der Datenbank archiwumkobiet.pl zugänglich, das digitale Repositorium des Projekts wird kontinuierlich erweitert und weiterentwickelt.
Über die Forschungs- und Archivarbeit hinaus ist das Archiwum Kobiet auch in zahlreichen weiteren Bereichen aktiv. Dazu gehören wissenschaftliche Publikationen in den Reihen „Lupa Obscura“ sowie „Archiwum Kobiet: Dokumenty“ (dt. Frauenarchiv: Dokumente), in denen neue methodische Zugänge zu Literatur, Kultur und Geschlecht erprobt werden. Die Reihe „Lupa Obscura“ widmet sich insbesondere bislang wenig erforschten Phänomenen und dekonstruiert etablierte Interpretationen von literarischen und gesellschaftlichen Texten aus transdisziplinärer Perspektive. Die Editionsreihe „Archiwum Kobiet“ wiederum publiziert bislang unveröffentlichte persönliche Dokumente von Frauen und entwickelt dabei mikrohistorische sowie editionswissenschaftliche Ansätze weiter.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der wissenschaftlichen Lehre und öffentlichen Vermittlung. Das Team organisiert und betreut unter anderem postgraduale Studienprogramme wie Gender Studies sowie polnisch-jüdische Studien, richtet offene und geschlossene Forschungsseminare aus und beteiligt sich regelmäßig an wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veranstaltungen. Besonders hervorzuheben ist der interdisziplinäre Seminarzyklus „Duchowość kobiet“ (dt. Spiritualität der Frauen), der Fragen weiblicher Religiosität, Spiritualität und kultureller Praxis aus historischer und zeitgenössischer Perspektive untersucht und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammenbringt.
Mit dem seit 2024 laufenden Projekt „We Change the World. Feminist Movement in Poland (1980–2004)“ erweitert das Archiwum Kobiet seine Forschung erneut um eine zeithistorische Dimension. Ziel ist es, die Geschichte der polnischen Frauen- und feministischen Bewegungen zwischen der Entstehung der Solidarność und dem EU-Beitritt Polens systematisch zu dokumentieren und in einem digitalen Archiv zugänglich zu machen. Neben schriftlichen Quellen werden auch audiovisuelle Materialien sowie Interviews mit Aktivistinnen gesammelt. Parallel entsteht zudem eine Ausstellung in Kooperation mit dem Dom Spotkań z Historią in Warschau (dt. Haus der Begegnung mit Geschichte, Ausstellungstitel: „Patrzą na nas. Lata 80.“, Eröffnung 2026), die die 1980er Jahre und die Transformationszeit aus der Perspektive von Frauen neu interpretiert.
Die Podiumsdiskussion im Pilecki-Institut fragt vor diesem Hintergrund danach, wie historische Narrative entstehen, warum die Perspektiven von Frauen lange marginalisiert wurden und welche Bedeutung Archive heute als Orte des Erinnerns besitzen. Anhand konkreter Forschungs- und Ausstellungsprojekte zeigen die Mitarbeiterinnen des Archivs, wie sich gesellschaftliche Umbrüche und politische Transformationen aus der Perspektive von Frauen neu erzählen lassen.