Die Zukunft der verflochtenen Geschichten des östlichen Europas - Instytut Pileckiego
02.07.2026 () 18:00
Die Zukunft der verflochtenen Geschichten des östlichen Europas
Gemeinsam mit dem Lehrgebiet Public History der FernUniversität in Hagen lädt das Pilecki-Institut in Berlin zur letzten Veranstaltung der Reihe Mehrzahl Moderne.
Die Zukunft der verflochtenen Geschichten des östlichen Europas
Diskussion mit Prof. Dr. Botakoz Kassymbekova, Prof. Dr. Karl Schlögel und Prof. Dr. Felix Ackermann
02.07, 18.00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin | Anmeldung: https://forms.gle/KN2zavn2qTBqJcfp8
Die Forschungsimpulse, die gegenwärtig unter den Bedingungen des Krieges in der Ukraine entstehen, können als Ausgangspunkt für das Nachdenken über die Zukunft der verwobenen Geschichten des östlichen Europas verstanden werden. Die Erfahrungen aus den ersten 12 Jahren seit Kriegsbeginn fordern dazu auf, unsere eigenen Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen und epistemische Hierarchien zu reflektieren. Sie zwischen uns, unsere analytische Optik zu schärfen und nach den Voraussetzungen unserer Arbeit zu fragen. Sie zeigen, dass es möglich ist die Perspektive zu ändern und vermeintliche Ränder in den Mittelpunkt zu stellen. Voraussetzung dafür ist die Historisierung der akademischen Russlandfixierung, die bis heute zur DNA der Osteuropäischen Geschichte an deutschen Universitäten gehört. Ebenso dazu gehört die Vorgeschichte der Fixierung auf einen „deutschen Osten“, die bis heute die institutionelle Förder-Logik zentraler Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik prägt. Nur wenn die historischen Voraussetzungen der eigenen Arbeit offengelegt sind, kann eine neue Sicht auf die verwobenen Geschichten des östlichen Europas freigelegt werden.
Die Geschichte des östlichen Europas steht 2026 vor der dringenden Aufgabe, ihre begrifflichen und methodischen Grundlagen zu überdenken. Eine Möglichkeit ist, den Begriff der Moderne systematisch zu dekolonisieren, um die Vorstellung einer einheitlichen, am Westen Europas orientierten Entwicklung abzulösen. Nehmen wir die Perspektive von Gesellschaften in Ostmitteleuropa, im Baltikum, im Kaukasus oder Zentralasien ein, können wir sie als multiple miteinander verwobene Modernen erforschen. Diese öffnen den Blick auf alternative Genealogien von Staatlichkeit, Gesellschaft und Kultur. Sie stellen zugleich die lange dominierende, oft implizit hierarchisierende Erzählung einer nachholenden oder defizitären Entwicklung infrage.
Eng verknüpft ist damit eine kritische Neubestimmung des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie in der historischen Osteuropa-Forschung. Die Konzentration auf die politischen und administrativen Zentren der Sowjetunion, des Russländischen Reichs sowie der Rzeczpospolita prägt die Forschungslandschaft bis heute. Der gegenwärtig eingeschränkte Zugang zu zentralen Archiven etwa in Moskau und St. Petersburg zwingt derzeit eine ganze Generation von Osteuropa-Historiker:innen, neue empirische Zugänge zu erschließen und sich damit neue Wege einzuschlagen. Alternativen bieten regionale Archive, nichtstaatliche Überlieferungen und transnationale Quellen. Durch ihre Nutzung lässt sich auch die Perspektive derjenigen stärker in neue Forschungsarbeiten einbeziehen, die diese Sammlungen angelegt haben.
Eine solche Dezentrierung des Blicks auf unterschiedliche Zentren und Peripherien des östlichen Europas trägt zugleich dazu bei, die überkommenen Vorstellungen homogener Gesellschaften und klar umrissener Nationalstaaten systematisch aufzubrechen. Die Geschichte Osteuropas war auch zuvor durch die Auseinandersetzung mit sozialer, religiöser und kultureller Differenz geprägt. Muslimische und buddhistische Gemeinschaften innerhalb des Russländischen Reichs und der heutigen Russländischen Föderation, die Vielfalt ihrer föderalen Subjekte oder die engen historischen Verflechtungen zwischen Litauen, Belarus und Polen verdeutlichen die Komplexität regionaler Interdependenzen. Diese Pluralität gilt es nicht nachträglich zu glätten oder zu beschönigen, sondern bewusst als analytischen Ausgangspunkt zu nehmen.
Der seit 2022 durch den russischen Krieg erzwungene Fokus auf die Geschichte und Gegenwart der Ukraine kann in diesem Zusammenhang als produktiver Impuls dienen. Einerseits fordert er dazu auf, Nationalgeschichten in ihrer Eigenständigkeit ernst zu nehmen; andererseits eröffnet er die Möglichkeit, über nationale Rahmungen hinauszugehen und verstärkt transimperiale sowie transnationale Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Die Ukraine wird auf diese Weise nicht nur zum Gegenstand von auf einzelne Gesellschaften eng geführten Area Studies. Ihre Erforschung wird zum Ausgangspunkt einer methodischen Neuorientierung, in der Gesellschaft, Staat, Nation, Region und auch das Imperium als in Bewegung befindliche Größen systematisch miteinander ins Verhältnis gesetzt werden.
Die institutionalisierte Osteuropäische Geschichte begann nach dem Ersten Weltkrieg als von einem kolonialen Blick geprägte Auseinandersetzung mit dem Osten Europas. Ein Teil ihrer Akteure bereitete die gewaltsame Erschaffung eines Deutschen Ostens und die daraus resultierende Zerstörung menschlichen Lebens im Zuge des Vernichtungskriegs vor. 1945 prägten dieselben Männer eine institutionelle Kontinuität in der Bundesrepublik. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, um dieses koloniale Erbe zu überwinden. Zentral dafür war die Öffnung der Grenzen und Archive 1989/1991. Obwohl eine
neue Qualität der Interaktion mit Kolleg:innen im östlichen Europa möglich wurde, verblieb bis heute die starke Russlandzentrierung der deutschsprachigen Forschung. Deshalb ist es kein Zufall, dass es in Berlin heute zwei Professuren für osteuropäische Geschichte gibt, die beide einen Russlandschwerpunkt haben. Die Neubesetzung der Professur an der Humboldt-Universität wurde kürzlich ohne Ausschreibung in dieser Kontinuität vorgenommen. Eine Konsequenz ist, dass es in Berlin in den kommenden Jahrzehnten keine Professur geben wird, die sich systematisch mit der Geschichte Polens auseinander setzen wird.
Ziel der anstehenden Diskussion ist nicht, einzelne Länder, Sprachen oder Kulturen gegen andere auszuspielen, sondern nach theoretischen und praktischen Voraussetzungen für eine Neuaufstellung der osteuropäischen Geschichte zu fragen. Um diese Geschichte im 21. Jahrhundert weiterzuentwickeln, ist es notwendig, regionale Kompetenzen stärker institutionell zu bündeln. Deshalb ist Teil der Diskussion um die Zukunft die Frage, wie spezifische Expertisen an unterschiedlichen Standorten gezielt gebündelt und vertieft werden können, ohne dass dies zu einem rein nationalen Fokus auf einzelne Länder führt. Ein Ausweg aus dem historischen Berliner Russland-Fokus ist, Berlin und Brandenburg systematisch als Wissenschaftsstandort zusammen zu denken.
Eine Möglichkeit für eine solche Neuorientierung liegt in der Intensivierung interdisziplinärer Zusammenarbeit. Dazu wäre es notwendig, die historische Forschung noch stärker mit der Slawistik und mit Forschungszusammenhängen in der Soziologie, Politik- und Kulturwissenschaft zu vernetzen. Angesichts der strukturellen Schwäche von Wissenschaftler:innen, die innerhalb dieser Fächer im deutschsprachigen Raum zu osteuropäischen Themen arbeiten, scheint eine engere Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen in den entsprechenden Regionen unerlässlich.
Die Reihe Mehrzahl Moderne hat insgesamt gezeigt, dass die Geschichte Osteuropas nicht als Randgeschichte Europas verstanden werden kann, sondern als ein zentraler Raum historischer Verflechtungen, in dem sich grundlegende Fragen europäischer Geschichte verdichten. Mit der Abschlussveranstaltung wird dieser Ansatz noch einmal gebündelt, geschärft und in eine offene Zukunftsperspektive überführt.
Die Veranstaltung wird aufgezeichnet und im Herbst 2026 im Rahmen des MA-Moduls M1 Geschichte Europas zur Verfügung gestellt.
Botakoz Kassymbekova ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. In ihrer Forschung konzenriert sie sich auf die Peripherien der Sowjetunion. Sie untersucht insbesondere die Verflechtungen von Imperium, Wissen und Macht in Regionen jenseits der politischen Zentren. Ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit ist die Anwendung postkolonialer Theorie auf die russländische und sowjetische Geschichte, um etablierte Narrative zu hinterfragen und marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einer kritischen, dezentrierenden Neubewertung sowjetischer Geschichte im globalen Kontext.
Karl Schlögel ist als Osteuropahistoriker und Experte für russische sowie sowjetische Geschichte. Er widmete sich als Professor an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) besonders den kulturellen und räumlichen Dimensionen des östlichen Europas. Dabei legte er besonderen Wert auf eine Erkundung vor Ort. Seit 2014 hat er seinen Fokus verstärkt auf die Geschichte und Gegenwart der Ukraine gerichtet. Er fordert die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Russland neu zudenken. Karl Schlögel erhielt 2025 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Felix Ackermann ist Professor für Public History an der FernUniversität in Hagen. Er forschte zur Geschichte von Litauen, Belarus, Polen, der Ukraine und Russland. In Hagen macht er sich für die kritische Auseinandersetzung mit dem Nachwirken von Gewalt im östlichen Europa und der Bundesrepublik stark. Dabei setzt er sich für einen neuen Blick auf die Verwobenheit des östlichen Europas ein, der auch das intergenerationelle Fortwirken von Gewalterfahrungen einbezieht. Gemeinsam mit Małgorzata Jędrzejczyk vom Excercising Modernity Programm des Pilecki Instituts brachte er die Reihe Mehrzahl Moderne auf den Weg.
Mehrzahl Moderne: Das Pilecki-Institut Berlin fragt gemeinsam mit dem Lehrgebiet Public History der FernUniversität in Hagen, wie die neueren Geschichten Polens, der Ukraine, Russlands und von Belarus als Teil der Geschichte Europas erzählt werden können. Wie lassen sich die historischen Erfahrungen dieser Gesellschaften erzählen, ohne historische Vorstellungen von Asymmetrie, Rückständigkeit und Überlegenheit fortzuschreiben? Eine Antwort auf diese Frage ist, die Moderne als Mehrzahl unterschiedlicher, miteinander verwobener Prozesse zu verstehen. Die Sensibilität für die Vielstimmigkeit, Komplexität und Verflechtung der Region ermöglicht den Blick auf die vermeintliche Peripherie zu schärfen. Indem wir ihre Vergangenheit ins Zentrum rücken, erinnern wir daran, dass heute über die Zukunft Europas in der Ukraine entschieden wird. Die Veranstaltungen werden aufgezeichnet und im Herbst 2026 im Modul M1 des MA Geschichte Europas zur Verfügung gestellt.