Die Bewahrung des jüdischen Erbes im heutigen ländlichen Polen - Der Fall Przysucha - Instytut Pileckiego
Debatten
06.07.2026 () 18:00
Die Bewahrung des jüdischen Erbes im heutigen ländlichen Polen - Der Fall Przysucha
Podiumsdiskussion über Przysucha als Beispiel dafür, wie die Bewahrung jüdischen Erbes, gemeinschaftliches Engagement und interkultureller Dialog zur Erinnerungskultur und Versöhnung beitragen können.
Die Bewahrung des jüdischen Erbes im heutigen ländlichen Polen - Der Fall Przysucha
Podiumsdiskussion mit Steven D. Reece und Radosław Ptaszyński
06.07.2026, 18:00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin
Anmeldung: https://forms.gle/5MFuNfTcq1jzeWmX8
Przysucha war einst ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens und eine der Wiegen des Chassidismus. Heute steht der Ort exemplarisch für die Herausforderungen der Bewahrung jüdischen Erbes im ländlichen Polen. Die Veranstaltung beleuchtet die Geschichte der Stadt, die Folgen der Vernichtung ihrer jüdischen Bevölkerung im Oktober 1942 sowie aktuelle Initiativen zur Pflege der jüdischen Erinnerungskultur vor Ort. Anhand des Falls Przysucha zeigen die Vortragenden auf, wie das jüdische Erbe eines Ortes zu einem Raum für Dialog, Versöhnung und interkulturelle Zusammenarbeit werden kann. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Fragen lokaler Identität sowie von Verantwortung und gemeinschaftlichem Engagement für die Bewahrung historischer Erinnerung.
Im ersten Teil des Abends wird das Konzept des „Third Space“ vorgestellt. Es handelt sich dabei um einen pädagogischen „Zwischenraum“ vielfältiger Beziehungen – in unserem Fall einen jüdischen Friedhof in der polnischen Provinz. In diesem konkreten Raum werden Interessierte zu Akteuren und „Paten“ einer gemeinschaftlichen Erinnerungskultur. Hier entsteht ein Netzwerk, das Versöhnung fördert, indem kommunale Vertreter, lokale Schulen, Freiwillige und Nachfahren durch soziales und gemeinschaftliches Handeln tief verwurzelte Vorurteile abbauen. Im Mittelpunkt des Prozesses steht eine „Methode der Taten“: Durch gemeinsame körperliche Arbeit soll ein „sichtbarer Beweis der Aufrichtigkeit“ entstehen, um historischen Stillstand aufzulösen. In Przysucha, früher eine „Stadt der drei Märkte“ – eines jüdischen, eines polnischen und eines deutschen –, wurde diese Methode angewandt, um historisches Vergessen durch konkrete soziale und interkulturelle Aktionen zu überwinden.
Die zweite Präsentation widmet sich Przysucha, einem einzigartigen Ort in Polen, der zu den Wiegen des Chassidismus zählt. Die skizzierte Geschichte des jüdischen Lebens und der Zerstörung des Schtetls richtet den Blick auf den heutigen Kampf gegen das Vergessen. Dabei berührt der Vortrag Fragen der Identitätsbildung in einer postjüdischen Stadt, der historischen Amnesie und der Bewahrung jüdischen Erbes. Zugleich zeigt Przysucha einen außergewöhnlichen Fall, in dem jüdisches Erbe einen Raum für Zusammenarbeit und interkulturellen Dialog schafft und lokaler Gleichgültigkeit entgegenwirkt.
Dr. Steven D. Reece war Fulbright Scholar 2022–2023 und ist Gründer sowie emeritierter Geschäftsführer der Matzevah Foundation. Über diese Stiftung leitete er die Restaurierung von mehr als 60 jüdischen Friedhöfen in Polen unter direkter rabbinischer Aufsicht des polnischen Oberrabbiners Michael Schudrich. Seit über zwanzig Jahren engagiert sich Reece als christlicher Amerikaner für die Bewahrung jüdischer Friedhöfe in Polen. Seine Arbeit verbindet praktische Denkmalpflege, interkulturellen Dialog und Forschung. Dabei versteht er jüdische Friedhöfe als Räume, in denen Begegnung, Verantwortung und Versöhnung beginnen können. In seiner Forschung entwickelte er die vorerwähnte „Methode der Taten“ und das Konzept des „Third Space“. Derzeit arbeitet Steven D. Reece an zwei Büchern, die auf zwei Jahrzehnten qualitativer Feldforschung zu polnisch-jüdischen Friedhöfen, interkultureller Verständigung und Versöhnung beruhen. Reece ist ordinierter baptistischer Pastor und Lehrbeauftragter an der Andrews University. Vom Polnischen Rat der Christen und Juden wurde er mit dem Titel „Mann der Versöhnung“ ausgezeichnet.
Prof. Dr. Radosław Ptaszyński ist Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe am Institut für Geschichte der Universität Szczecin. Seine wissenschaftlichen Interessen gelten den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Biografieforschung, dem politischen Denken sowie den polnisch-jüdischen, polnisch-französischen und staatlich-kirchlichen Beziehungen. Er ist Mitglied der Biografischen Kommission der Polnischen Akademie der Wissenschaften, des Wissenschaftlichen Rates des Polnischen Biografischen Wörterbuchs, des Wissenschaftlichen Rates des Zentrums für Kultur und Dialog der Ignatianum-Universität in Krakau, der European Association for Jewish Studies, der Polnischen Historischen Gesellschaft, der Polnischen Gesellschaft für Jüdische Studien sowie des Polnischen Rates der Christen und Juden. Außerdem ist er Redaktionssekretär der Zeitschrift „Polish Biographical Studies“. Ptaszyński wurde unter anderem für den Kazimierz-Moczarski-Geschichtspreis, den Oskar-Halecki-Preis für das Geschichtsbuch des Jahres, den Jan-Długosz-Preis und den Jerzy-Giedroyc-Preis nominiert. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des Vereins Jüdisches Przysucha. Seit 2021 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates des Instituts für Geschichte der Universität Szczecin. Zu seinen Veröffentlichungen gehören unter anderem Skalpel ’68. The Anti-Semitic Campaign in the Community of Szczecin Doctors (Krakau 2021, gemeinsam mit M. Ptaszyńska), Stommism. The Political Biography of Stanisław Stomma (Krakau 2018) sowie Polyphony of Memory. Between the German Past and Polish Identity. Kołobrzeg 1945–2015 (Szczecin 2017, gemeinsam mit J. Suchy).