Gedenken an Katyn 1940 - Instytut Pileckiego
13.04.2026 () 18:30
Gedenken an Katyn 1940

Sehr geehrte Damen und Herren,
am 13. April jährt sich das Massaker von Katyn zum 86. Mal. Aus diesem Anlass beteiligen wir uns an der Erinnerungsaktion „Gedenken an Katyn 1940“, die vom Nationalen Kulturzentrum (Narodowe Centrum Kultury) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej), dem Katyń-Museum (Muzeum Katyńskie) und dem Pilecki-Institut organisiert wird. Das Polnische Institut ist zudem Co-Veranstalter der Filmvorführung und Podiumsdiskussion.
Im Rahmen der Veranstaltung zeigen wir einen Film und laden im Anschluss zur Diskussion ein. Zudem erhalten Besucherinnen und Besucher am Veranstaltungstag einen Uniformknopf zum Anpinnen. Mehr Hintergrundinformationen zu dieser Aktion finden Sie weiter unten im Text.
Filmvorführung von "Józef Czapski - Zeuge des 20. Jahrhunderts" + Podiumsdiskussion mit Thomas Urban, Richard Aeschlimann und Rafał Ruciński
13.04, 18.30 Uhr | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin | Anmeldung: https://forms.gle/QGNdoPzeanteKbWH7
Das Massaker von Katyn steht exemplarisch für den Vernichtungswillen totalitärer Regime: Im Frühjahr 1940 ließ das sowjetische Politbüro unter Joseph Stalin rund 22.000 polnische Kriegsgefangene – vor allem Angehörige der intellektuellen und administrativen Eliten – ohne Anklage oder Prozess vom NKWD ermorden. Es offenbart totalitäre Handlungsmuster und Strategien, die auch im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine deutlich zutage treten.
Katyn erinnert zudem an einen langen und schwierigen Prozess der Aufarbeitung: Die westlichen Alliierten hielten die Wahrheit im Kontext des Kalten Krieges aus politischen Gründen lange zurück, während das Thema in der kommunistischen Volksrepublik Polen offiziell tabuisiert war. In Russland wurde die Katyn-Lüge bis zum Ende der UdSSR aufrechterhalten und erst am 13. April 1990 offiziell widerrufen. Seit vielen Jahren werden jedoch erneut gefälschte Dokumente verbreitet, und auf offizieler Ebene gilt aktuell wieder weitestgehend die sowjetische Lesart.

Im Mittelpunkt des Abends steht daher die außergewöhnliche Persönlichkeit von Józef Czapski – Maler, Schriftsteller und einer der wichtigsten Zeitzeugen des Katyn-Massakers im 20. Jahrhundert, der sich große Verdienste um dessen Aufarbeitung erworben hat. Er war einer von 394 polnischen Offizieren, die das Lager Starobelsk überlebten.Nach der Vorführung des Films „Józef Czapski – Zeuge des Jahrhunderts (1986–1993)“ spricht der Leiter unserer Archivabteilung, Rafał Ruciński, mit Richard Aeschlimann, der Czapski persönlich kannte und als einer der bedeutendsten Sammler seiner Werke gilt, sowie mit Thomas Urban, der eines der wichtigsten deutschsprachigen Bücher über das Massaker von Katyn verfasst hat.
Das Symbol der Aktion ist ein Uniformknopf, der in den Massengräbern gefunden wurde. Es ist ein „unbeugsamer Zeuge“, von dem Zbigniew Herbert schrieb – ein Beweis für das Verbrechen, der Jahrzehnte des Schweigens überdauert hat. Zugleich steht er für den Versuch, Geschichte nicht nur anhand von Statistiken zu erzählen, sondern anhand konkreter Schicksale, um den Opfern ihr Gesicht und ihre Würde zurückgeben. Am Veranstaltungstag werden wir vor dem Brandenburger Tor und im Institut Repliken der Uniformknöpfe ausgeben. Sie können sich damit fotografieren lassen und – sofern gewünscht – eine eigene Botschaft für unsere sozialen Medien aufnehmen, um zu zeigen, dass Berlin eines der symbolträchtigsten totalitären Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht vergisst.

Józef Czapski wurde am 3. April 1896 in Prag in eine aristokratische Familie geboren und verbrachte einen Großteil seiner Kindheit auf den Gebieten des heutigen Belarus. Nach Ausbruch des Polnisch-Sowjetischen Krieges unterbrach er sein Kunststudium und wurde für seinen Einsatz mit dem Virtuti Militari ausgezeichnet. Später setzte er seine Ausbildung an der Akademie der Schönen Künste in Krakau fort und wurde Mitglied der Kapisten-Gruppe (Komitet Paryski), die sich an der französischen Malerei orientierte und die polnische Kunst der Zwischenkriegszeit maßgeblich prägte. Im September 1939 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde im Lager Starobelsk interniert, einem der drei zentralen Lager für polnische Offiziere neben Koselsk und Ostaschkow.
Während die meisten der rund 3.800 dort festgehaltenen Offiziere im Frühjahr 1940 vom NKWD in Charkiw erschossen wurden, überlebte Czapski und wurde in die Lager Pawlischtschew Bor und später Grjasowez verlegt. 1941 kam er infolge des Sikorski-Maiski-Abkommens frei und trat der polnischen Armee unter dem Kommando von General Władysław Anders bei. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Suche nach den „vermissten“ Offizieren, bereiste die Sowjetunion und sammelte Zeugnisse über ihr Schicksal. Seine Berichte gehören zu den frühesten zusammenhängenden Darstellungen des Verbrechens von Katyn. Nach dem Krieg lebte Czapski im Exil in Frankreich, wo er Mitbegründer des Literarischen Instituts in Maisons-Laffitte und enger Mitarbeiter der Zeitschrift „Kultura“ wurde, dem wichtigsten intellektuellen Forum der polnischen Emigration. Unter der Ägide von Jerzy Giedroyć legte dieses den Grundstein für eine zeitgenössische, offene und prodemokratische polnische Außenpolitik gegenüber seinen Nachbarn.
Czapski veröffentlichte Essays, Tagebücher und kunstkritische Texte und setzte sich kontinuierlich mit Totalitarismus, Erinnerung und moralischer Verantwortung auseinander. Als Maler stellte er international aus; seine Werke zeichnen sich durch eine reduzierte, oft fragmentarische Bildsprache aus, die Erfahrungen von Krieg, Verlust und Exil reflektiert. Seine Erinnerungen an die sowjetische Gefangenschaft und die Suche nach den Offizieren verarbeitete er in den Büchern Wspomnienia starobielskie und Na nieludzkiej ziemi, die zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen über Katyn und den Gulag zählen.

Richard Aeschlimanns Buch „Mit Czapski verbrachte Augenblicke“ erschien 2010 in Lausanne auf Französisch. Der Autor berichtet von seiner langjährigen Freundschaft mit dem Czapski - interessant ist, dass das Buch nicht nur ein Monolog des Schriftstellers ist, sondern vielmehr eine Art Gespräch mit Józef Czapski, der darin durch mehrere an Aeschlimann gerichtete Briefe selbst zu Wort kommt. Das Bildmaterial umfasst unter anderem vom Autor zur Verfügung gestellte Fotografien aus dem privaten Archiv sowie Reproduktionen von Werken sowohl Aeschlimanns als auch Czapskis, die sich im Nationalmuseum in Krakau und in Privatsammlungen befinden.
Richard Aeschlimann, geboren am 21. Februar 1944 in Yverdon-les-Bains (Kanton Waadt, Schweiz), ist Maler, Zeichner, Grafiker, Schriftsteller und Essayist. Er gilt als der bedeutendste Sammler der Werke Józef Czapskis, als unermüdlicher Vermittler seiner Kunst und als sein Freund.

Thomas Urban gehört zu den prägenden deutschsprachigen Stimmen zum Thema Katyn; sein Buch dazu gilt vielen als Referenzwerk im deutschsprachigen Raum. Als Korrespondent der Süddeutsche Zeitung in Warschau, Moskau und Kyijv (1988–2012) verfolgte er die polnische Erinnerungskultur ebenso wie russische Gegen-Narrative und die politische Instrumentalisierung des Verbrechens aus nächster Nähe.
In seinem Werk „Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens“, das breite Resonanz gefunden hat, rekonstruiert er die Ermordung von rund 22.000 polnischen Offizieren durch den NKWD und zeigt zugleich, mit welcher Konsequenz die sowjetische Führung die Tat Deutschland zuschrieb. Darüber hinaus richtet Urban den Blick auf die Rolle der westlichen Alliierten, die die Wahrheit im Kontext des Kalten Krieges aus politischen Erwägungen lange zurückhielten.
Heute wird das Verbrechen wieder mit gezielter Desinformation in Russland geleugnet. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine offenbaren sich zahlreiche niederschmetternd aktuelle historische Kontinuitätslinien in Russlands Vorgehen. Sie zeigen sich insbesondere im totalitären Propagandaapparat, in genozidalen Denk- und Handlungsmustern sowie in der Unfähigkeit, ein friedliches, freiheitliches Staatswesen aufzubauen, – eines, dessen raison d’être nicht auf permanenter Kriegsmobilmachung und imperialen Gelüsten beruht.