Was wissen die Deutschen über Polen? - Instytut Pileckiego
Was wissen die Deutschen über Polen?
Die IPSOS--Studie des Pilecki-Instituts: Essays und Präsentationen
Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Deutschland-Expertengruppe der polnischen Denkfabrik Ośrodek Studiów Wschodnich (OSW) ist ein neuer Sammelband zur deutschen Erinnerungspolitik erschienen. Der Band beinhaltet Beiträge, die sich mit Deutungsmustern, Selbstverständnissen und Konfliktlinien der deutschen Erinnerungskultur auseinandersetzen und deren Wirkung auf Politik, Gesellschaft und internationale Beziehungen analysieren.
In dem Sammelband ist unter anderem der Essay „Historische Karten der Deutschen. Zum deutschen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und auf Polen“ von Hanna Radziejowska, Leiterin der Berliner Niederlassung des Pilecki-Instituts, und Mateusz Fałkowski, stellv. Leiter der Berliner Niederlassung des Pilecki-Instituts, enthalten. Grundlage des Beitrags ist eine repräsentative IPSOS-Studie, die vom Pilecki-Institut Berlin in Auftrag gegeben wurde und das Wissen, die Wahrnehmungen und Deutungen der deutschen Gesellschaft in Bezug auf Polen sowie auf die deutsche Gewalt- und Besatzungsgeschichte im Zweiten Weltkrieg untersucht. Die Studie wurde international medial breit rezipiert:
und in Form einer Erosions-Kunstinstallation von PANgenerator präsentiert.
Im Zentrum der Studie stehen Fragen danach, welche historischen Ereignisse präsent sind, welche Leerstellen bestehen und wie Verantwortung, Schuld und Opferrollen wahrgenommen werden. Dabei zeigt sich, dass Wissensdefizite über Polen eng mit grundlegenden Problemen der deutschen Erinnerungskultur verknüpft sind: mit verzerrten Vorstellungen über die Opfer des Holocaust, mit einer unscharfen Wahrnehmung der Topografie nationalsozialistischen Terrors sowie mit der Tendenz, Verantwortung für NS-Verbrechen zu relativieren oder zu teilen. Zugleich wird deutlich, dass die verbreitete Überzeugung, die eigene Geschichte erfolgreich aufgearbeitet zu haben, häufig mit der Annahme einhergeht, auch die an Polen begangenen Verbrechen seien ausreichend behandelt worden.
Die Ergebnisse der Studie verweisen darüber hinaus auf Paradoxien einer Erinnerungskultur, die sich selbst als postnational und europäisch versteht, dabei jedoch nationale Erfahrungen, insbesondere die spezifische Erfahrung Polens als erstes angegriffenes und besonders brutal besetztes Land, tendenziell nivelliert oder ausblendet. Der Essay ordnet diese Befunde analytisch ein und macht sie für die aktuelle Debatte um historische Bildung, Erinnerungspolitik und deutsch-polnische Beziehungen fruchtbar.
Die Studienergebnisse wurden erstmals im Rahmen der vom Pilecki-Institut Berlin organisierten internationalen Konferenz „(P)Ostkolonialismus – Postcolonial Perspectives on Poland, Ukraine and Eastern Europe“ (23.–25. Oktober 2024) vorgestellt. In ihrem Vortrag „The German society's historical self-image with regards to the 20th Century, and its perception of Poland“ präsentierten Radziejowska und Fałkowski zentrale Befunde der Untersuchung und diskutierten sie im Kontext postkolonialer und dekolonialer Ansätze zur Analyse von Erinnerungskulturen.
Der Sammelband liegt derzeit in polnischer Sprache vor und soll in absehbarer Zeit auch in weitere Sprachen übersetzt werden. Die polnische Ausgabe ist auf der Website des Ośrodek Studiów Wschodnich (OSW) frei zugänglich und kann hier heruntergeladen werden.
Zentrale Thesen des Beitrags
• Die Ergebnisse der von IPSOS im Auftrag des Pilecki-Instituts Berlin durchgeführten Meinungsumfrage zeigen erhebliche Wissensdefizite über Polen und über deutsche Verbrechen in Polen während des Zweiten Weltkriegs. Diese Unkenntnis beschränkt sich nicht auf die polnische Geschichte im engeren Sinne, sondern verweist auf strukturelle Probleme innerhalb der deutschen Erinnerungskultur insgesamt – einschließlich ihres zentralen Bezugspunkts, der Erinnerung an den Holocaust. So sind etwa 59 % der Deutschen fälschlicherweise der Ansicht, die Hauptopfer des Holocaust seien deutsche Juden gewesen. Nur 28 % erkennen korrekt, dass es sich überwiegend um polnische Juden handelte.
• Auch die Topografie des nationalsozialistischen Terrors wird in der deutschen Öffentlichkeit vielfach verzerrt wahrgenommen. Auf die Frage nach den Strafen für Hilfeleistungen an Juden geben 46 % der Befragten an, dass im Dritten Reich darauf die Todesstrafe stand. Deutlich weniger – 31 % – verorten diese Praxis im besetzten Polen, obwohl gerade dort das Besatzungsregime von extremer Repression geprägt war. Daraus lässt sich die These ableiten, dass es im kollektiven Bewusstsein der Deutschen paradoxerweise zu einer Art „Übernahme“ der polnischen Besatzungserfahrung gekommen ist – sowohl in der Vorstellung vom Ausmaß der eigenen Opfer als auch hinsichtlich der angenommenen Strafen für Widerstand.
• In der Einschätzung der Verantwortung für den Holocaust dominiert die Vorstellung einer geteilten Schuld. 57 % der Befragten sehen die Verantwortung gleichermaßen bei den Deutschen und bei Bürgern der besetzten europäischen Länder, die kollaborierten. Nur 34 % machen primär die Deutschen verantwortlich, lediglich 9 % schreiben ihnen die Schuld ausschließlich zu.
• Die Erinnerung an den Holocaust, die juristische und moralische Aufarbeitung der NS-Verbrechen sowie die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gelten zugleich als zentrale Elemente der heutigen deutschen Identität. Sie werden häufig als Beleg für die erfolgreiche Transformation eines Tätervolkes zu einem führenden demokratischen Akteur interpretiert. Die Mehrheit der Deutschen ist der Ansicht, die eigene Geschichte umfassend aufgearbeitet zu haben; auch die an Polen begangenen Verbrechen gelten aus dieser Perspektive vielfach als hinreichend behandelt. Nicht selten geht damit die Auffassung einher, Polen könne im Umgang mit der Vergangenheit eher von Deutschland lernen als umgekehrt.
• Die Studienergebnisse verweisen damit auf grundlegende Fallstricke einer deutschen Erinnerungskultur, die sich selbst als postnational und europäisch versteht. Versuche der historischen Bildung, das Kriegserlebnis zu universalisieren – etwa durch den bewussten Verzicht auf nationale Kategorien bei der Erinnerung an die Opfer – führen zu Vereinfachungen und Nivellierungen. In dieser Perspektive bleibt wenig Raum für die spezifische Erfahrung eines Volkes und eines Staates, der am 1. September 1939 angegriffen wurde und sechs Jahre lang einem besonders brutalen Besatzungsterror ausgesetzt war.
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