Ein großer Poet des "Extremen Jahrhunderts" - Instytut Pileckiego

Ein großer Poet des "Extremen Jahrhunderts"

Vor knapp über 23 Jahren, am 28. Juli 1998, war Zbigniew Herbert alias Herr Cogito, der große polnische Lyriker, Dramatiker und Essayist, von uns gegangen. Selbst der Stalinismus vermochte es nicht, sein Rückgrat zu brechen.

Zbigniew Herbert: Ein großer Poet des "Extremen Jahrhunderts". Selbst der Stalinismus vermochte es nicht, sein Rückgrat zu brechen.

Vor knapp über 23 Jahren, am 28. Juli 1998, war Zbigniew Herbert alias Herr Cogito, der große polnische Lyriker, Dramatiker und Essayist, von uns gegangen. Werk und Leben Herberts bildeten eine Einheit und waren unweigerlich mit dem 20. Jahrhundert, dem „extremen Jahrhundert“, wie es Eric Hobsbawm mal genannt hatte, eng verwoben. Auch interessante Deutschlandbezüge lassen sich darin wiederfinden.

Als Sohn eines Bankiers wurde Herbert in Lwów geboren und begann sein Studium der Polonistik während des Zweiten Weltkriegs an der Jan-Kazimierz-Universität in Krakau, die nur dank dem Untergrundstaat ihren Betrieb fortsetzen konnte. Herbert hatte seinerseits wiederum in der Heimatarmee gedient. Später absolvierte er zusätzlich ein Studium der Philosophie und Jura. Sein erster Lyrikband „Lichtstrahl“ erschien 1956, bevor er im Jahr darauf die in ihn gesetzten Hoffnungen mit „Hermes, Hund und Stern“ erfüllen konnte. In gewisser Hinsicht mag man seine Werke aus dieser Zeit als den Versuch einer Antwort auf die bekannte Frage Adorno nach der Möglichkeit des Fortbestehens von Lyrik nach Auschwitz sehen, wenngleich gar nicht klar ist, ob er mit dessen Werken vertraut war.

Seine ironische Sprache und die neuartigen, nicht immer auf den ersten Blick offensichtlichen Metaphern, die aber umhüllt von einem eher traditionellen, an die Klassiker der polnischen und europäischen Literatur anknüpfenden Stil daherkamen, waren Teil dieser Antwort. Dazu kam die Verarbeitung der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg in einer Schreibweise, welche anders als bei Dichtern wie Kamil Baczyński oder Tadeusz Borowski nicht nur in der rauen und kalten Nüchternheit des bewussten, reinen Beschreibens Ausdruck fand.

In der Literaturwissenschaft wurden als Bausteine seines Denkuniversums und Werkzeuge seines methodischen Repertoires häufig hervorgehoben:

die Entwurzelung des modernen Menschen und die Ironie sowie der Wert der Treue bzw. der metaphysischen Rückbesinnung.

Als zugleich zeitgeschichtliche Diagnose und Ziel wecken diese nicht bei jedem unmittelbar traditionalistische Assoziationen, das Begriffspaar „Ironie“ und „Metaphysik“ mag gar eher an Richard Rortys Neopragmatismus erinnern. Doch die Ironie spielte hier eine gänzlich andere Rolle, sie sollte der klassischen Metaphysik verhelfen, wieder Einzug in den Alltag der Menschen zu erhalten. So überrascht wenig, dass man in den Werken Herberts vielerorts auf die großen, klassischen ethischen Begriffe und Fragen stößt - vielleicht sollte gerade ihnen die Rolle des von ihm vorgeschlagenen Antidots gegen die Verirrungen der Moderne zukommen.

Die angesprochene Rückbesinnung galt jedenfalls in erster Linie den Werten und Vorstellungen der klassischen Welt: der Welt des mediterranen Raums, der Antike, des klassischen Griechenlands, welche er für ihre Kultur und Akademien, für ihren Humanismus und ihre Offenheit liebte und deren Beschreibung in der englischen Übersetzung so lautete: „defenders of kingdoms without end and cities of ashes“.

1974 stellt Zbigniew Herbert dann der Welt sein Alter Ego vor: Herr Cogito betritt die Bühne und ist fortan ein sowohl von Herbert wie auch seinen Lesern gern gesehener Gast. Er „verkörperte die Zerrissenheit zwischen dem Empfinden der Wirklichkeit und der Sehnsucht nach Ruhm“, was ein wenig an die von Peter Sloterdijk in „Du musst dein Leben ändern!“ diagnostizierte „Vertikale Anspannung“ erinnert, welche seiner Meinung nach vormoderne Lebensformen charakterisierte. Der bekannte Kritiker, Poet und Übersetzer unter anderem von Werken Shakespeares Stanisław Barańczak fand folgende Worte, um dem Wesen Herrn Cogitos näherzukommen: „Er ist ein ziemlich gewöhnlicher, grauer Mensch, liest Zeitungen und verweilt gerne in dreckigen Vorstädten. Auf der anderen Seite spiegelt er das öffentliche, kollektive Bewusstsein zwar wider, aber gibt sich mit diesem nicht ab.“ Das bekannte Zitat aus Herberts Büchern „Sei mutig – nur das zählt letzten Endes“ erinnert an die Stilistik vieler Werke mit Herrn Cogito in der Hauptrolle.

Seine Faszination mit dem mediterranen Raum war möglicherweise stärker noch in seiner Essayistik zu vernehmen. Werke wie „Ein Barbar in einem Garten“ gaben vor, nur Reisereportagen zu sein; eine zu Wort gebrachte, angeblich rein deskriptive Wiedergabe des Erlebten und Gesehenen. Da das Werk von Reisen nach Italien, Frankreich, Holland im 17. Jahrhundert handelt – ein Jahrhundert, das besessen war von der Malerei – wurde dem Leser schnell bewusst, dass hier ein Spiel mit ihm gespielt wird, mit Augenzwinkern zwar, aber mit ernsthaften zugrunde liegenden Intentionen. In einer Welt und Zeit, in der sich ein wahrer Kult um Rembrandt und Vermeer entfachte, konnte man zuhause langstündige Konversationen führen und diese als Kunst, nicht bloß als „Fertigkeit“, genießen, welcher der entsprechenden Zeit bedurften,. Durch die Umstände – es gab noch lange, lange kein Fernsehen – stand diese auch durchaus reichlich zur Verfügung.

Diese, wenn man so will, historisch beseelten Reisereportagen verfolgten auch noch ein weiteres Ziel: Dem an den grauen staatssozialistischen Alltag voller Plattenbauten gewöhnten Leser die Möglichkeit zu bieten, Urlaub im Westen zu machen und an einer farbenfrohen, mit viel Phantasie gewürzten, die eigene geschichtlich-kulturelle Lebenswelt bereichernden Bildungsreise teilzunehmen. Dass das ganze dabei bisweilen ein wenig mit einer Prise Übertreibung und besonders schmackhaften, die Vorstellungskraft stimulierenden, anekdotischen und nicht immer 100% realitätstreuen literarischen Detailbeschreibungen angereichert wurde, liegt in der Natur der Sache.

In einem Radiobeitrag (https://www.polskieradio.pl/.../2780028,Erinnerung-an...) machen Magda Dercz und der Literaturübersetzer Andrzej Dercz auch auf die interessanten Deutschlandbezüge in Herberts Schaffen aufmerksam. Deutsch soll die zweite Sprache in seiner Familie gewesen sein und er selbst war einer jener polnischen Dichter und Autoren, die im deutschen Sprachraum neben Różewicz besonders intensiv wahrgenommen und rezipiert wurden. 1968 zog Herbert nach Berlin, wo er nur relativ kurz verweilte. Ende der 1970er Jahre zog es ihn aber wieder nach Deutschland und Österreich. Seit 1974 war er Mitglied der Akademie der Künste, er gewann auch den Petrarca-Preis und den Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie.

In diesem Kontext kann die Rolle von Karl Dedecius gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: „Dichter und Philosoph, Kunstliebhaber und erfahrener Reisender hatte in seinem Übersetzer – Karl Dedecius – einen würdigen Gesprächs- und Korrespondenzpartner gefunden.” Vor zwei Jahren wurde eine Ausstellung gezeigt mit Briefen aus dem Nachlass von Zbigniew Herbert an Karl Dedecius.

Herberts Talente als Aphoristiker sorgten zusammen mit der Beliebtheit seiner Werke dafür, dass er schnell zu einer Art “Zitate-Lieferant” avancierte:

“Die grundlegende Aufgabe eines Intellektuellen ist es, die Wahrheit zu erfassen und sie auszudrücken. (...) Denken bedeutet, darüber nachzudenken, wer wir sind und wie die Realität um uns herum aussieht. Dies impliziert zwangsläufig eine Verantwortung für das eigene Wort.”

"Wenn du zwei Wege zur Auswahl hast, wähle immer den Weg, der für dich schwieriger ist."

"Nur Städte, in denen man sich verlaufen kann, sind wertvoll"

Auch in den 90er Jahren blieb er ein wichtiger Teilnehmer der öffentlichen Debatte. Zbigniew Herbert wurde seit jeher zu eher überschaubaren Gruppe jener bedeutsamer Autoren dazugezählt, die in der stalinistischen Zeit ihre literarischen Talente und Künste nicht in den Dienst der regierenden Partei stellten. Mit dieser Widerspenstigkeit machte er nach 1989 von sich reden, als er den sich damals höchsten Ansehens und großer Beliebtheit erfreuenden Adam Michnik aufs schärfste verurteilte für seine relativ milde Attitüde gegenüber Politikern und Vertretern der vor der Wende regierenden kommunistischen Partei PZPR. Dies sollte zu einer der zentralen, die Gemüter besonders erhitzenden öffentlichen Debatten der 90er Jahre werden. Lustration und Dekommunisierung im Namen der Gerechtigkeit waren das Gebot der Stunde nach 1989: Von dieser Ansicht rückte er bis zu seinem Tod nicht mehr ab.

 

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