Warschau 1944, Mariupol 2022 - Instytut Pileckiego

Warschau 1944, Mariupol 2022

Letzte Woche besuchten uns zwei Schulklassen im Rahmen eines deutsch-polnischen Schülerprojekts, um gemeinsam Fragen zu erörtern, welche zu stellen mindestens genauso schwierig und schmerzhaft ist wie die Suche nach Antworten auf sie

Warschau 1944 oder Mariupol 2022?

Letzte Woche besuchten uns zwei Schulklassen im Rahmen eines deutsch-polnischen Schülerprojekts, um gemeinsam Fragen zu erörtern, welche zu stellen mindestens genauso schwierig und schmerzhaft ist wie die Suche nach Antworten auf sie.

“In den benachbarten Straßen zünden sie Häuser und alles, was sie finden können, an. Wir wollen so schnell wie möglich weg von hier“. Über aktuell gewordene Kommunikate aus dem Warschauer Aufstand, die wir eigentlich als historische Warnung statt als Gegenwartsbeschreibung verstanden wollen wüssten, sprachen wir letzte Woche mit den Schülerinnen und Schülern der DPFA-Regenbogenschule in Zwickau und der DPFA Szkoła Tęcza aus Zgorzelec. Nach einer an sich schon symbolischen parallelen Führung durch die Ausstellungen „Ausgetragen. Die Pfadfinderpost im Warschauer Aufstand“ und „Voices of Ukraine“ besprachen wir mit beiden Klassen die tieferen Ursachen für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

„Ausgetragen. Die Pfadfinderpost im Warschauer Aufstand 1944“ ist unsere neue, von Alexander Kliymuk und Harald Rosteck kuratierte Ausstellung, welche von jungen polnischen Pfadfinderinnen und Pfadfindern, welche unter Lebensgefahr die Kommunikation innerhalb der Warschauer Zivilbevölkerung ermöglicht haben, erzählt. Die Schülerinnen und Schüler, die wir durch die Ausstellung führten, sind nur wenige Jahre älter als die Pfadfinder damals. „Was hätte ich damals getan?“ fragte sich die eine oder der andere. "We know about ourselves only what we've been tested" lautet die bekannte Übersetzung eines Zitats von Wisława Szymborska.

Dennoch: Es fällt ein kleines bisschen einfacher sich in die Haut von Gleichaltrigen zu versetzen. Ein kleines bisschen. Die Pfadfinder waren damals Zeugen der brutalen Okkupation Polens durch das deutsche Besatzungsregime, des tagtäglichen Mordens und Wütens. Sie hätten gerne eine Kindheit gehabt. Stattdessen würde ohne ihren heldenhaften Einsatz die Kommunikation in Warschau total zusammenbrechen.

Aus dem Jahre 1944 dann zurück nach 2022. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Sowjetunion erfuhren die Schülerinnen und Schüler über die ukrainische Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahre 1991, das Budapester Memorandum drei Jahre später, als die Ukraine ihre Nuklearwaffen abgab und dafür Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine garantierten, für ihre Souveränität Sorge zu tragen. Über die orangene Revolution, als der eigentlich als Sieger davongegangene Wiktor Juschtschenko vergiftet wurde und den sich spätestens seitdem abzeichnenden Konflikt zwischen Russland und dem Westen erfuhren beide Klassen ebenso wie über die Hintergründe der Maidan-Proteste, der darauf folgenden Krim-Annexion und den von Russland angezettelten und geheim geführten, vermeintlichen „Bürgerkrieg“ um Donezk und Luhansk. Kurzum, alle wichtigen Fakten, die man kennen muss, um das aktuelle Kriegsgeschehen richtig einordnen zu können, wurden den Schülerinnen und Schülern vermittelt.

Danach haben wir beide Schulklassen in die Details unserer Zusammenarbeit mit der Allianz Ukrainischer Organisation eingeweiht – den bewegenden Anblick der sich vor den Kulissen der Pilecki-Ausstellung aufstapelnden Hilfspakete haben wir ihnen dabei ebensowenig vorenthalten wie eine Übersicht über die aktuelle Faktenlage: 4.319.494 Menschen befinden sich auf der Flucht aus der Ukraine, 2.514.504 davon nach Polen, zum Vergleich 306.836 nach Deutschland.

Im abschließenden Gespräch ging es dann konkret darum, Postkarten, Mitteilungen und Kommunikate jeglicher Art aus dem Warschauer Aufstand und aus Mariupol miteinander zu vergleichen. Ein Beispiel:

„Ihr Lieben!

Bei uns ist es sehr schlimm. Die Deutschen greifen ständig an. In den benachbarten Straßen zünden sie Häuser und alles, was sie finden können, an. Wir wollen so schnell wie möglich weg von hier. Auf Wiedersehen. Wojciech“ steht in einem Brief vom 29. August 1944.

Etwa 78 Jahre später schreibt jemand aus Mariupol: „Die Russen haben unser Haus in Mariupol mit Artillerie beschossen. Stadtzentrum, Artilleriebeschuss! Man hat das Gefühl, dass die Russen erlaubte, einfach alles mit Mariupol zu machen. Und es gibt da keine Moral. Mama schreibt wieder, aber ich kann es nicht mehr veröffentlichen. Da ist Tod, Verzweiflung und Schmerz.“

Es klingt verheerend ähnlich – dementsprechend war es nicht einfach, die Unterschiede herauszuarbeiten. Der wichtigste: Heute verfügen selbst Menschen im Kriegsgeschehen über eine ganze Palette an Kommunikationsmitteln. Im Warschauer Aufstand mussten die Menschen deswegen alle Informationen und Details mit Biegen und Brechen auf eine Postkarte im wahrsten Sinne des Wortes zusammenquetschen.

In beiden Fällen hingegen wurde der Zivilbevölkerung bestialisches Leid angetan, ganze Lebensgeschichten zugrundegebombt und Häuser sowie Zivileinrichtungen zerstört. Damals wie heute denken Menschen Tag und Nacht, jede Sekunde, daran, ob ihre Nächsten und Liebsten noch am Leben sind. Damals konnte man eine Reaktion der Außenwelt, von einem aktiven oder präventivem Entgegenwirken ganz zu schweigen, praktisch kaum ausmachen. Heute schon – aber sie bleibt unzureichend. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten über von der russischen Besatzermacht verübte Gräueltaten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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